Projekt "Old Black":
Anleitung zur Vernichtung eines Kulturguts
(in 5 schmerzhaften Schritten)
Wenn du ein Vintage-Gitarren-Sammler bist, der seine Instrumente nur mit weißen Baumwollhandschuhen anfasst:
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Für alle anderen: Willkommen zu meinem persönlichen Frankenstein-Experiment.
Das Objekt der Begierde ist eine Gibson Les Paul Standard 50s. Ein Kulturgut sondersgleichen.
Und genau deswegen werde ich sie jetzt zerstören.
Warum? Weil Neil Young existiert. Und weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, seine legendäre "Old Black" nachzubauen. Koste es, was es wolle (vor allem Nerven). Hier ist das Protokoll dieses herrlichen Wahnsinns.
Phase 1: Die totale Entkernung
Der erste Schritt fühlt sich an wie ein Sakrileg. Wir legen die Dame auf den OP-Tisch und entfernen... alles. Die komplette Elektronik? Raus. Der alte Steg? Weg damit. Die originalen Pickups, die seit 70 Jahren den heiligen Gral des Tons darstellen? Ab in die Schublade.
Die Gitarre liegt jetzt nackt vor mir. Ein bisschen tut es weh. Aber wie heißt es so schön? Wo gehobelt wird, fallen Späne – oder in diesem Fall: Wo gelötet wird, fällt der Marktwert.
Phase 2: Der Schweizer Käse (Bohren & Bigsby)
Wir müssen Löcher bohren. Echte, irreversible Löcher. denn ohne ein Bigsby B9 Tremolo gibt es keinen Neil-Young-Sound.
Aber Vorsicht: Hier arbeiten wir im Zeitlupen-Modus. Warum? Weil der alte Nitrolack chemisch gesehen ein sehr entfernter Verwandter von Sprengstoff ist. Wenn man den Bohrer zu schnell drehen lässt, entsteht Reibungshitze. Und bei Nitrolack führt Hitze zu Feuer. Ich möchte zwar wie Neil Young klingen, aber ich möchte nicht wie Jimi Hendrix in Monterey enden und mein Instrument auf der Werkbank abfackeln. Also: Bohren mit der Geschwindigkeit einer wandernden Düne.
Nachdem wir die spontane Selbstentzündung abgewendet haben, gilt beim Festschrauben meine wichtigste Regel:
Nach fest kommt ab. Und weil ich ein Profi bin, habe ich diesen Rat natürlich ignoriert. Ich drehte die Tremolo-Schraube mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der keine Ahnung von Physik hat. Ein kurzes, trockenes „Pling“. Dann Stille.
Phase 3: Die Operation am offenen Herzen (Der Firebird-Umbau)
Jetzt wird es fummelig. Neil Youngs Sound kommt nicht von irgendwoher, sondern von einem Gibson Firebird Pickup an der Stegposition. Das Problem: Gibson hat 1953 nicht damit gerechnet, dass Jahrzehnte später jemand so eine dumme Idee haben würde.
Die Fräsung für den originalen P90 ist breiter als der Firebird-Mini-Humbucker. Der Rahmen passt nicht. Es sieht aus wie ein eckiger Dübel in einem runden Loch. Die Lösung? 10mm Holzprofile aus dem Baumarkt. Die Ecken der P90-Fräsung müssen aufgefüllt werden, damit der neue Rahmen überhaupt Fleisch zum Greifen hat.
Phase 4: Das Gold muss sterben
Die alten Löcher vom Stegbolzen? Da kam schon vorher Spachtelmasse drauf. Kommen wir zum Finale. Die Lackiererei habe ich einen Profi machen lassen. Das ist zwar teuer aber Nitro und Sprengstoff, ihr erinnert euch.
Die Decke wird glatt geschliffen, glatt bis vom Glanz vergangener Tage nichts mehr übrig ist. Anschließend wird zur Dose gegriffen. Schwarz. Tiefschwarz. Die wird so dunkel wie meine Seele, während ich dieses Verbrechen an der Gitarrengeschichte begehe.
Das Fazit
Am Ende steht sie da. Sie ist nicht mehr original. Ein Gutachter würde beim Anblick wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen. Aber wenn man sie einstöpselt, den Amp aufreißt und das Bigsby betätigt, dann ist es da: Das Fauchen, das Knurren, der "Old Black" Vibe.
Habe ich gerade eine 1953er GoldTop ruiniert? Vielleicht.
Klingt es geil? Verdammt, ja.