Projekt "Young & Crazy": Die Verwandlung der VT 100 GoldTop
Manche Leute kaufen sich Gitarren, um sie sanft zu streicheln und sonntags poliert in den Koffer zu legen. Und dann gibt es Leute wie mich. Ich sehe eine wunderschöne Vintage VT 100 GoldTop und denke mir: "Hübsch. Aber weißt du, was fehlt? Das absolute Chaos."
Mein Ziel war klar: Ich wollte den Vibe von Neil Youngs legendärer "Old Black" einfangen. Nur eben in Gold. Und mit einem Budget, das Neil wahrscheinlich für Plektren ausgibt. Hier ist das Protokoll einer Operation am offenen Herzen.
Phase 1: Alles muss raus!
Zuerst einmal habe ich mich gefühlt wie ein Entrümpler. Die gesamte originale Elektrik? Raus damit! Wir brauchen Platz für Neues. Nachdem die Gitarre innerlich so leer war wie mein Kopf vor der ersten Tasse Kaffee, ging es an die Hardware.
Das Ziel war ein Bigsby an der Stegposition. Das Problem? Die alten Löcher der ursprünglichen Brücke starrten mich an wie vorwurfsvolle Augen. Aber da wir hier nicht im Geigenbau-Hochadel sind, sondern im Rock'n'Roll, kam meine patentierte "Viel Schmotter hilft viel"-Technik zum Einsatz. Mit einer gesunden Mischung aus Füllmaterial, Leim und guten Wünschen wurden die Löcher zugekleistert. Sieht man das? Vielleicht. Ist es stabil? Wird sich zeigen.
Phase 2: Der Firebird hat Landeverbot (fast)
Kommen wir zum Sound. Der brave P90 am Steg musste weichen. Stattdessen sollte ein günstiges Firebird Mini-Humbucker Plugin für den nötigen Biss sorgen. Ich dachte naiv: "Alten raus, neuen rein, fertig."
Falsch gedacht.
Der Halterahmen des Firebird-Pickups war kerzengerade. Die Decke der VT 100 ist gewölbt. Wer in Geometrie aufgepasst hat, weiß: Das passt nicht. Also musste der Rahmen erst einmal "überredet" werden. Mit Zange, Muskelkraft und sanfter Gewalt habe ich den Metallrahmen so lange gebogen, bis er die Kurven der Gitarre akzeptierte. Es war ein Kampf "Mensch gegen Metall", aber am Ende saß das Ding – zwar unter Spannung, aber es saß.
Löcher bohren, fräsen, ist es das denn jetzt gewesen?
Nein!
Phase 3: Der elektronische Wahnsinn
Jetzt kommen wir zum Herzstück des Wahnsinns: Die Verkabelung. Wer glaubt, man könnte einfach auf Neil Youngs Website gehen und unter "Downloads -> Schaltpläne -> Old Black Secrets.pdf" nachschauen, der irrt gewaltig. Der Mann hütet seine Geheimnisse besser als die Goldreserven in Fort Knox.
Ich musste mir also selbst einen Schaltplan aus den Fingern saugen, der es in sich hat. Die Besonderheit: Ein zusätzlicher, unscheinbarer Kippschalter.
Was der macht? Er ist der "Panik-Knopf". Wenn man den umlegt, werden sowohl der Ton- als auch der Lautstärkeregler komplett ignoriert. Das Signal des Bridge-Pickups wird direkt an die Ausgangsbuchse durchgeballert. Kein Widerstand, kein Filter, einfach nur 100% Signal direkt in den Amp. Das ist quasi der Nachbrenner für Solos, wenn man will, dass dem Publikum (und dem Tontechniker) die Ohren bluten. Das Zusammenlöten dieses Kabelsalats ohne Anleitung war ungefähr so entspannend wie Bombenentschärfung mit verbundenen Augen, aber hey – es funktioniert!
Phase 4: Die Bigsby-Zitterpartie
Nachdem die Elektronik nun so wild verkabelt war wie ein Sicherungskasten in einem Geisterhaus, stand ich vor dem Endgegner: Es gibt zwei Arten von Menschen – solche, die ein Bigsby installieren, und solche, die geistig gesund bleiben wollen.
Warum? Weil es heikel ist. Sehr heikel.
Problem 1: Die "Rote Faden"-Panik Das Internet war sich einig: Wenn du das Ding auch nur einen Millimeter schief montierst, rutscht dir später die hohe E-Saite bei jedem Akkord vom Griffbrett ins Nirgendwo.
Problem 2: Der "Point of No Return" Dann kam der Bohrer. Man muss Löcher in die makellose Gold-Decke bohren. Es gibt kein "Strg+Z" im echten Leben. Das Geräusch, wenn der Bohrer durch den Lack ins Holz beißt, ist das Geräusch, das Gitarrenbauer in ihren Albträumen hören. Zwei Löcher oben, vier unten am Gurtpin. Einmal abgerutscht, und du hast keine Vintage-Gitarre mehr, sondern teures Brennholz.
Problem 3: Das Brummen des Todes (Masseproblem) Was einem kaum jemand sagt: Eine normale Les Paul erdet die Saiten über den Stop-Tailpiece-Bolzen. Den gibt es aber nicht mehr, da sitzt jetzt ja das Bigsby drüber. Das Ergebnis? Man schließt alles an und es brummt wie ein wütender Hornissenschwarm. Die Lösung? Man muss quasi einen geheimen Tunnel bohren oder ein Massekabel so unter das Bigsby quetschen, dass es Kontakt hat, aber nicht aussieht wie ein Unfall. Ich habe mich für eine Lösung entschieden, die irgendwo zwischen "Genie" und "Pfusch am Bau" liegt.
Das Fazit
Die VT 100 ist jetzt nicht mehr wiederzuerkennen. Sie hat Schmotter in den Löchern, einen verbogenen Rahmen am Steg und eine Elektrik, die jeden TÜV-Prüfer in den Wahnsinn treiben würde. Aber wenn man diesen kleinen Kippschalter umlegt und das Bigsby vibrieren lässt, weiß man sofort: Es hat sich gelohnt. Keep on Rockin' in the Free World!