Projekt "Tweedzilla": Der Bau eines 5E3 High Power Deluxe
Es gibt Momente im Leben eines Gitarristen, da reicht "gut" einfach nicht aus. Da muss es "lauter", "fetter" und "unvernünftiger" sein. Der normale Fender Tweed Deluxe (5E3) ist der Heilige Gral des "Neil Young"-Sounds. Er knurrt, er singt, er explodiert förmlich, wenn man ihn auf 12 dreht. Aber seien wir ehrlich: Neben einem motivierten Schlagzeuger geht der kleine Kerl mit seinen 12 Watt manchmal unter wie ein Chihuahua im Wolfsrudel.
Die Lösung? Der 5E3 High Power Mod.
Das Ziel: Ein Verstärker, der aussieht wie ein harmloser Vintage-Combo, aber unter der Haube genug 6L6-Pferdestärken hat, um den Putz von der Decke zu bröseln. Hier ist das Protokoll einer Operation am offenen Röhrenherzen.
Phase 1: Die Zutaten – oder: Warum war das Paket so schwer?
Wer denkt, ein Verstärkerbau beginnt mit dem Lötkolben, der irrt. Er beginnt mit dem Postboten, der einen Bandscheibenvorfall riskiert. Für die "High Power"-Version brauchen wir nämlich "Eisen". Viel Eisen.
Anders als beim Standard-Deluxe reicht der kleine Netztrafo hier nicht. Wir brauchen Saft für zwei hungrige 6L6GC Röhren (statt der kleinen 6V6) und einen Ausgangsübertrager, der eher an einen Super Reverb erinnert als an einen Deluxe. Dazu gesellen sich ein Chassis aus verchromtem Stahl (weil wir ja Klasse haben), ein Haufen Kondensatoren, die aussehen wie gelbe Bonbons, und Widerstände, so weit das Auge reicht.
Phase 2: Malen nach Zahlen (mit 400 Volt)
Das Bestücken des Turret-Boards ist der entspannende Teil. Es ist wie Lego für Erwachsene, nur dass man am Ende nicht darauf tritt, sondern einen Stromschlag bekommen kann, wenn man mist baut.
Der High Power Mod verlangt hier ein paar Anpassungen. Die Kathodenwiderstände müssen dicker sein, um die Hitze der großen Röhren zu überleben, und die Elkos im Netzteil brauchen etwas mehr Kapazität, damit der Bassbereich bei hoher Lautstärke nicht klingt wie ein furzender Elefant, sondern wie ein definierter Faustschlag.
Ich habe mich bemüht, die Kabelverlegung so sauber wie möglich zu halten ("Lead Dress" sagen die Profis, "Spaghetti-Vermeidung" sage ich). Sieht wild aus und das ist es auch und endlich wieder Schrumpfschlauchschrumpfen.
Phase 3: Der "Smoke Test"
Die Pilot-Light-Lampe leuchtet rot. Kein Rauch. Kein Knall. Der Trafo summt leise und zufrieden. Jetzt kommen die Röhren rein: Eine GZ34 Gleichrichterröhre (statt der schwachbrüstigen 5Y3, wir wollen ja "Punch"), eine 12AY7 für den klassischen Preamp-Tone und die beiden mächtigen 6L6GC Endstufenröhren.
Ich schalte den Standby-Schalter um. Ich halte kurz die Luft an. Die Röhren beginnen orange zu glühen. Es ist romantischer als jedes Kaminfeuer.
Das Fazit: Ein Wolf im Tweed-Pelz
Gitarre einstöpseln. Telecaster. Bridge Pickup. Volume auf 3. Schon jetzt ist er laut. Clean, fett und mit einem Bassfundament, das man im Magen spürt. Volume auf 8. Da ist er. Der legendäre Tweed-Overdrive, aber mit einer Wucht, die einem die Hosenbeine flattern lässt. Wo der normale Deluxe in sich zusammenbricht ("Sag"), bleibt der High Power 5E3 stabil und schiebt gnadenlos an.
Das Projekt war ein voller Erfolg. Der Amp ist zu schwer zum Tragen, zu laut für das Wohnzimmer und absolut perfekt. Meine Nachbarn haben schon angefragt, ob ich vielleicht Briefmarkensammeln als Hobby in Betracht ziehen möchte.
Phase 4: Tischlerarbeiten – oder: Wie man Sägespäne in Körperöffnungen findet, von denen man nichts wusste
Ein nacktes Chassis auf einer Werkbank klingt zwar gut, sieht aber bescheiden aus und ist lebensgefährlich für Haustiere und neugierige Besucher. Also musste ein Gehäuse her. Traditionell nimmt man hier massive Kiefer, ich nehme Akazie. Ist massiv und riecht beim Sägen, als würde man in einer Sauna arbeiten.
Der Bau ist eigentlich simpel: Ein paar Bretter, eine Lamellomaschine von Ludwig Werkzeug- und Maschinenverleih. Aber der Teufel steckt im Detail – und in der Oberfräse, die habe ich mir dann selbst gekauft.
Ein herrliches Werkzeug. Es ist laut, es ist aggressiv und es verwandelt innerhalb von Sekunden eine massive Holzplatte in ein aerodynamisches Kunstwerk – und den Rest der Werkstatt in eine Schneekugel aus Sägemehl.
Das Chassis kann nun einziehen in sein neues Gehäuse und der Griff wird montiert.
Phase 5: Hitzefrei? Von wegen! Das Lüftungs-Update
Ein normaler Deluxe wird mit zwei kleinen 6V6 Röhren schon gut warm. Aber mein "Tweedzilla" läuft mit zwei 6L6GC Kolben. Diese Dinger sind im Grunde kleine Heizkraftwerke, die nebenbei auch Audiosignale verstärken.
Würde man die Standard-Rückwand des 5E3 verwenden, hätte man im Inneren des Gehäuses schnell Temperaturen, bei denen man Pizza backen könnte. Das mag für den Snack zwischendurch nett sein, für die Lebensdauer der Kondensatoren ist es der Tod.
Deshalb habe ich die Lüftungsöffnungen massiv vergrößert. Physikalisch gesehen nutzen wir den Kamineffekt: Die heiße Luft der Röhren steigt nach oben und kann durch den vergrößerten Schlitz ungehindert entweichen, während kühle Luft von unten nachzieht. Es sieht vielleicht nicht zu 100% "Vintage Correct" aus, aber hey – ein geschmolzener Trafo ist auch nicht Vintage, der ist einfach nur kaputt.
Phase 6: Das Finale
Nachdem das Gehäuse geschliffen, das Chassis im Gehäuse und die Schrauben gegriffen haben, steht da kein Bastelprojekt mehr, sondern ein echter Verstärker.
Die vergrößerten Lüftungsschlitze fallen optisch nicht auf, aber wenn man nach einer Stunde Spielen die Hand hinten an den Amp hält, merkt man den Fön-Effekt. Die Hitze kommt raus, das Biest bleibt cool – zumindest thermisch. Klanglich aber brennt hier die Hütte.